09 09 2009 • Die Kärntner Volkshochschulen
Buchstabensuppe statt Wortsalat
Es ist nie zu spät
"Es ist nie zu spät, etwas zu lernen", meint die 47-Jährige Veronika Kleiner, die seit 4 Jahren die Grundbildungskurse der Kärntner Volkshochschulen besucht. Der Tod ihres Vaters, der alles Schriftliche für sie erledigt hatte, war der Wendepunkt in ihrem Leben. Nun macht Veronika Kleiner das Lernen, für das sie sich als Kind so gar nicht interessiert hat, sogar Spaß: „Im Kurs sitzen auch andere, die das gleiche Problem haben. Durch die anderen, die etwas schon besser können, wird man auch selbst motiviert weiterzulernen." Auch für Harald Mayr waren Formulare, Mietverträge, Anträge oder Speisekarten eine unüberwindbare Hürde. "Nach jedem Gang auf ein Amt war ich schweißgebadet. Ich musste mir ja immer etwas einfallen lassen, warum ich das Formular nicht ausfüllen konnte und mit nach Hause nehmen musste, wo sich meine Eltern darum gekümmert haben."
Wie Veronika Kleiner und Harald Mayr haben in Kärnten rund 47.000 Erwachsene Probleme mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen. Täglich bemühen sie sich darum, ihre Defizite zu verstecken und haben Angst entdeckt zu werden. "Man traut sich nicht zu sagen, dass man nicht lesen kann, weil die meisten Menschen gleich denken, dass man dumm ist. Aber nur weil wir nicht lesen können, sind wir ja noch lange nicht blöd," so Veronika Kleiner. Dazu meint der Geschäftsführer der Kärntner Volkshochschulen, Dr. Gerwin Müller: "Seit 2001 bemühen sich die Kärntner Volkshochschulen, das Thema zu enttabuisieren und die Menschen zu sensibilisieren, damit Betroffene sich auch trauen, offen über ihre Probleme zu sprechen und um Hilfe zu bitten." Als weiteres Ziel nennt die stellvertretende Geschäftsführerin und Projektleiterin Mag.a Beate Gfrerer die Gründung einer Selbsthilfegruppe, wie es sie in Deutschland schon gibt. "In den Kursen vermitteln wir nicht nur die Grundkulturtechniken, sondern versuchen auch das Selbstwertgefühl der TeilnehmerInnen zu stärken", so Gfrerer.
Lernen in Kleingruppen
Gelernt wird in Kleingruppen mit maximal 6 TeilnehmerInnen. "Dadurch ist garantiert, dass ganz individuell auf die Bedürfnisse jedes einzelnen eingegangen wird“, betont die Projektkoordinatorin Mag.a Tanja Mokina. "Wir legen besonderen Wert darauf, dass die Unterrichtsmaterialien erwachsenengerecht sind", meint Mokina. Wie wichtig diese Tatsache ist, bestätigt Harald Mayr. Nach dem Tod seiner Eltern versuchte der 42-Jährige zuerst durch Privatstunden bei einer Volksschullehrerin sein Problem in den Griff zu bekommen. Nur durch die Lernmethoden, die in der Volksschule angewendet werden, fühlte er sich gedemütigt und gab bald auf. Nach einem halben Jahr im Grundbildungskurs traut er sich sogar zu, einen Computerkurs in Angriff zu nehmen.
Buchstabensuppe statt Wortsalat.
Der 8. September stand ganz im Zeichen der Aktion "Buchstabensuppe statt Wortsalat". In der Klagenfurter Innenstadt schenkten die MitarbeiterInnen der Volkshochschule Grundbildung Buchstabensuppe aus und informierten PassantInnen über das Problem des funktionalen Analphabetismus. Zahlreiche Gäste schauten auch am Stand vorbei, wie Landesrat Dr. Peter Kaiser, AK-Präsident Günther Goach, Nationalratsabgeordneter und ÖGB Präsident Hermann Lipitsch, Vizebürgermeisterin Dr. Maria-Luise Mathiaschitz, Stadträtinnen Mag.a Andrea Wulz, Dr. Christine Jeremias, Stadtrat Dr. Manfred Mertel, Rektor der Diakonie Kärnten Mag. Hubert Stotter, Superintendent Mag. Manfred Sauer, Superintendentialkuratorin der Diözese Kärnten Helga Duffek, GR Philipp Kucher, LSR Vizepräsident Rudolf Altersberger, Mag. Roland Arrich von der Pädagogischen Hochschule, Dr. Monika Kastner von der Universität Klagenfurt und viele andere.
Mit dieser Aktion wollen die Kärntner Volkshochschulen Betroffene informieren, dass sie nicht alleine sind und sie ermutigen, etwas dagegen zu tun. Wenn Sie jemanden kennen, der Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat, informieren Sie ihn doch über das Angebot der Volkshochschule Grundbildung.





