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Burn Out - Keine Modekrankheit

»Jeder Mensch hat ein Recht auf ein geglücktes Leben«, ist Eva Leutner, Geschäftsführerin der pro mente kärnten GmbH überzeugt. Wie man seelische Erkrankungen bereits im Ansatz erkennt, wohin man sich wenden kann bevor der Leidensdruck zu schlimm wird, und wie man jenen helfen kann, die sich aus eigener Kraft nicht mehr selbst helfen können, wird in diversen Workshops erläutert, die pro mente kärtnen unter anderem an der VHS Klagenfurt anbietet.

Burn Out - Keine Modekrankheit

Eva Leutner ist Geschäftsführerin bei ProMente

Psychosoziale Gesundheit

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Margarita Kinstner hat sich mit Eva Leutner zu einem Gespräch getroffen, um mit ihr über die Herausforderungen der modernen Welt und ihre Auswirkungen auf unsere seelische Gesundheit zu sprechen.

Wenn sich Apps als Menschen ausgeben
Stellen Sie sich folgende Szene vor. Die Verfasserin dieses Artikels steht, 10 Minuten vor Termin, am Empfang von pro mente. »Ein Interviewtermin mit der Geschäftsführung?«, heißt es dort.« Aber Frau Leutner ist doch noch krank!« Zwei Minuten später klingelt das Handy der Erkrankten. Weitere 2 Minuten später teilt die Sekretärin mit: »Frau Leutner hat Ihnen gestern auf Ihre Einladung geantwortet, dass sie den Termin leider verschieben muss.« Die Besucherin wundert sich kurz über das Wort »Einladung« (was für eine Bezeichnung für eine Interviewanfrage) und schaut auf ihr Handy. Nichts. Nada. Nicht einmal im Spam. Sie verlässt das Haus in schlechter Stimmung und lässt ein Scherbchen ihres Missmuts im Flur zurück. Irgendjemand wird es später aufklauben müssen.

Am Abend schließlich wird sich herausstellen, dass die Kalender-App der Verfasserin tatsächlich eine Einladung ausgesendet hat. Diese wurde von Frau Leutner auch umgehend beantwortet und verschwand sodann im virtuellen Nirwana, das diesmal sogar eine kryptische E-Mail-Adresse hinterließ.
Womit wir mitten im Thema wären.

»Burnout-Beschleunigungs-Handy«
So nennt die Geschäftsführerin von pro mente kärnten ihr Smartphone. Gut, selbstagierende Google-Kalender sind Gott sei Dank noch die Ausnahme. Dennoch hat das Smartphone einen größeren Einfluss auf unser Leben, als wir manchmal wahrhaben möchten. 
»Dadurch dass wir auf unseren Handys nun auch Emails empfangen können, wird es immer schwieriger, Arbeit und Privatleben auseinanderzuhalten«, erklärt Eva Leutner. Dabei sei es wichtig, abzuschalten. Den Ton der einkommenden Emails auf lautlos zu stellen und für ein paar Stunden nicht erreichbar zu sein.
»Manchmal beantworte auch ich meine Mails an einem Sonntag«, verrät Eva Leutner. »Ganz einfach aus dem Grund, damit ich am Montag nicht alles auf einmal erledigen muss.« Schlimm werde es für Menschen vor allem dann, wenn das Gefühl aufkommt, allzeit bereit stehen zu müssen. Durch die digitalisierte Welt sei der Druck enorm gewachsen.
»Früher hast du einen Brief geschrieben, und den hast du dann zur Post gebracht. Da war es normal, dass man eine oder zwei Wochen auf Antwort warten musste. Heute ersetzt das Mail das Telefonat. Wenn du telefonisch nicht erreichbar bist, hinterlässt dir kaum jemand eine Sprachnachricht. Stattdessen wird ein Mail geschrieben, das als besonders wichtig markiert wird, und ein solches solltest du dann am besten binnen der nächsten Stunde beantworten.«

Die Beschleunigung durch die digitalen Medien ist jedoch nicht nur in der Arbeitswelt spürbar. Durch die sozialen Medien etwa wird der Mensch beinahe im Live-Ticker mit Schreckensmeldungen konfrontiert. Man sieht Fotos von toten Kindern, Erdbebenopfern, Klimakatastrophen, Terroranschlägen und Amokläufen; Fachleute bezeichnen die Konfrontation mit solchen Bildern als „Mikrotraumen“ – eine Aufeinanderfolge von kleinen traumatischen Erlebnissen, die nur schwer zu verarbeiten sind.

»Neulich habe ich auf Facebook das Bild eines extrem unterernährten Kindes mit einer Nasensonde gesehen«, erzählt Eva Leutner. »Da siehst du dieses Kind in Afrika und weißt, dass es in ein paar Stunden an Hunger sterben wird. So ein Bild ist nichts Alltägliches, es schockiert und berührt zutiefst die Emotionen, das steckt man nicht so einfach weg.«
Die Folgeerscheinungen sind vielfältig und können von Schlafstörungen bis hin zu Panikattacken oder Depressionen reichen.

Burnout ist keine Modekrankheit
Bei 26% aller Männer, die in Invaliditätspension gehen, sind psychische Erkrankungen die Ursache. Bei den Frauen sind es sogar 46 %.

Besonders hoch sei die Burnoutrate in sozialen Berufen und im Lehrberuf. Dass die Rahmenbedingungen in diesen Berufen oft nicht ideal seien, sei den ArbeitnehmerInnen am Anfang zwar bewusst aber gar nicht so wichtig, da sie mit großen Idealismus und viel Engagement ins Berufsleben starten würden, erklärt Eva Leutner. »Aber dann kann  der Punkt kommen, an dem du alles, was du gelernt hast und wofür du dich einsetzt, plötzlich in Frage stellst.«
Es sind jedoch nicht nur die klassischen Sozialberufe, in denen Menschen an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit gestoßen werden. »Es gibt Berufe, in denen du immer freundlich sein musst. Dieses permanente Sich-selbst-verstellen hinterlässt auf Dauer Spuren.« Auch manch JournalistIn sei den neuen Herausforderungen nach immer reißerischeren Storys nicht gewachsen und wechselt lieber den Beruf.
»Nicht jeder Mensch eignet sich zum Burnoutkandidaten«, so Leutner. »Manche brennen leichter, andere wiederum bewegen sich wie die Fische im Wasser und kommen mit den sozialen Herausforderungen gut zurecht.« Eine Grenze zwischen Burnout und Depression will die erfahrene Sozialmanagerin nicht ziehen. Das Burnout Syndrom kann in verschiedenen Erscheinungsbildern auftreten. Selbst in Fachkreisen werden unterschiedliche Definitionen von Burnout diskutiert »Manche beschränken den Begriff auf Arbeitsbedingungen in Kombination mit persönlichen Faktoren, andere sind der Meinung, das auch Alleinerziehende ohne Ansprechpartner unter einem Burnout-Syndrom leiden können.« Das Gefühl, nicht gut genug zu sein und den Ansprüchen der anderen nicht zu genügen führt oft dazu, dass Menschen sich nichts mehr zutrauen und damit beginnen, sich von ihrer Umwelt zurückzuziehen. Manchmal aber sind die Symptome auch andere. So kann es vorkommen, dass sich nach einer Zeit der Erschöpfung und des Rückzugs ein lästiger Hautausschlag bemerkbar macht oder Magen-Darmbeschwerden auftreten. 

»Burnout ist keine Modekrankheit«, ist Eva Leutner überzeugt. »Es gibt eben gravierende Änderungen im Berufsleben. Es ist wie mit dem Essen. Menschen, die ihren Berufsalltag hauptsächlich am Schreibtisch verbringen können nicht dasselbe essen wie Menschen früher, die einer schweren körperlichen Arbeit nachgingen. Sonst werden sie dick.«
Die Arbeitswelt und auch die Gesellschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Man freut sich, wenn Kinder zur Welt kommen, aber in der Arbeitswelt werden jungen Menschen nicht automatisch mit offenen Armen empfangen, für viele gibt es keine Lehrstellen mehr. »Vor allem weniger gut ausgebildete Menschen haben es zunehmend schwerer«, so Leutner. So sind auch Beraterinnen und Berater von Stellen wie AMS und Pensions- und Sozialversicherungen immer mehr mit dem Thema »psychische Erkrankung« konfrontiert. Im Rahmen des „Kärntner Bündnis gegen Depression“, dessen Projektträger pro mente kärnten in Kooperation mit dem Gesundheitsland Kärnten ist, sollen daher Workshops über Depressionen, Angststörungen aber auch Suizidprävention  für MulitplikatorInnen angeboten werden. Auch bei der Landwirtschaftskammer gäbe es mittlerweile  Psychologen. »Weil man draufgekommen ist, dass zum Beispiel im Zuge von Hofübergaben manchmal dringend einer gebraucht wird.«

Schau auf dich!
Einer der Hauptaufgaben von pro mente kärnten ist es, präventiv tätig zu sein. »Wir veranstalten diverse Workshops und Vorträge. In diesen geht es unter anderem auch um die Frage, wie man es schafft, psychisch gesund zu bleiben«. Damit man sich selbst nicht so leicht aus den Augen verliert, hat pro mente austria, der Dachverband in dem auch pro mente kärnten Mitglied ist, eine Checkliste »für die Kühlschranktür« entworfen. Diese ist in Postkartenform erhältlich und kann entweder direkt bestellt oder als PDF heruntergeladen werden. »Genau so, wie man auf seine Ernährung achten sollte, sollte man auch auf seine psychische Gesundheit schauen«, weiß Eva Leutner. »Also nicht nur „Iss wos gescheit’s“, sondern auch „Schau auf di“!«

Noch immer ein Tabuthema
Während in den Großstädten wie Wien die Anonymität einen gewissen Schutz verspricht, haben viele Menschen in kleineren Städten oder Dörfern noch immer Angst vor Stigmatisierung. Keiner gibt schließlich gern zu, seelische Probleme zu haben und damit in Kauf zu nehmen, als „nicht normal“ etikettiert zu werden. »Unsere Angebote sind daher sehr niederschwellig«, verrät Eva Leutner. So habe man im Bezirk Spittal eine Sprechstunde im Verwaltungsgebäude einer kleinen Gemeinde eingerichtet. »Niemand weiß, warum du das Gebäude betrittst. Das kann in kleinen Orten schon eine große Hilfe sein.« Auch die Veranstaltungen, die im Rahmen des „Bündnis gegen Depression“ in Kärntner Gemeinden angeboten werden sind gut besucht.  »Manche kommen, weil sie selbst in dem Bereich tätig sind und mehr Informationen bekommen wollen, manche kommen wegen der Angehörigen und manche kommen, weil sie selbst einen Leidensdruck verspüren. Für viele ist es ein erster Schritt.«

pro mente kärnten hilft
Was tun, wenn es einem selbst gar nicht gut geht oder wenn man an seinen Mitmenschen eine beginnende (oder bereits manifeste) psychische Erkrankung feststellt? pro mente kärnten ist für viele, die nach Hilfe suchen, erste  Anlaufstelle. Mobbing, Essstörungen, Schlafstörungen, Burnout, Manie, Depression oder auch die Demenzerkrankung eines nahen Verwandten können Grund für einen Anruf sein. »Manche wissen gar nicht genau, was sie haben. Sie rufen an und fragen, ob sie vorbeikommen können, weil es ihnen schlecht geht. Andere rufen an, weil der Sohn seit Wochen das Zimmer nicht verlässt.«
Für ein Erstgespräch mit einem erfahrenen Psychologen oder einer erfahrenen Therapeutin braucht man bei pro mente kärnten, anders als bei krankenkassenfinanzierten Therapien, keinen Überweisungsschein. In einem ausführlichen Gespräch findet der Psychologe/ die Psychologin heraus, welche weiterführende Behandlung für den oder die Betroffene die beste ist. Manchmal rät Eva Leutner den Betroffenen auch, sich sofort den Krisendienst zu wenden. »Wenn Gefahr im Verzug ist oder der Leidensdruck sehr hoch, dann muss man sofort handeln und kann nicht warten, bis ein Therapieplatz frei wird.«
In jedem Fall aber lässt pro mente kärnten Menschen in Not nicht allein. Weder jene, die sich selbst in einer Ausnahmesituation befinden noch jene, die sich Sorgen um Angehörige oder Bekannte machen und sich Rat holen möchten.

Sämtliche Beratungs- und Therapieangebote finden Sie auf:
http://www.promente-kaernten.at/unsere-angebote/ambulante-angebote-tagesbetreuung.html

Alle Angebote der pro mente kärnten GmbH:
www.promente-kaernten.at

Zur Person
Eva Leutner hat ein Masterstudium für Sozialmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien abgeschlossen und war lange Zeit in leitenden Positionen in Wien tätig,  u.a. in der Jugendarbeit, der Erwachsenenbildung, der Unternehmensberatung für NGO’s sowie im Qualitätsmanagement und einer Dienstleistungsorganisation für Menschen mit Behinderung.
2001 übersiedelte sie nach Kärnten und übernahm die fachliche Geschäftsführung im Verein pro mente kärnten, dessen Geschäftsführerin sie seit 2012 ist. Außerdem ist sie Obmann-Stellvertreterin des Kärntner Netzwerkes gegen Armut und soziale Ausgrenzung und seit Mai 2017 Vizepräsidentin des Österreichischen Behindertenrates.

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