Im Gespräch mit Beate Gfrerer, VHS Geschäftsführerin
Was motiviert Erwachsene heute am meisten, sich weiterzubilden - und wie haben sich die Beweggründe für Weiterbildung zuletzt gewandelt? Im Interview erklärt VHS-Geschäftsführerin Beate Gfrerer warum lebensbegleitendes Lernen wichtiger denn je ist, in welchen Bereichen die Nachfrage besonders stark steigt und welche Kompetenzen künftig entscheidend sind - von digitaler Grundbildung bis Medien- und KI-Kompetenz.
Was motiviert Erwachsene heute am meisten, sich weiterzubilden – und wie hat sich das verändert? In welchem Bereich gibt es momentan die meisten Anmeldungen?
Erwachsene entscheiden sich aus unterschiedlichen Beweggründen dafür, Angebote an der VHS oder bei anderen Anbietern der Erwachsenenbildung zu nutzen. Viele möchten sich beruflich weiterentwickeln oder zusätzliche Kompetenzen erwerben, um mit den dynamischen Entwicklungen in der Arbeitswelt Schritt halten zu können. Andere wiederum haben persönliche Motive. Sie wollen etwas Neues kennenlernen, ihren Horizont erweitern oder Fertigkeiten ausbauen, die ihnen im Alltag weiterhelfen. Eine sich rasant entwickelnde Welt mit komplexen Herausforderungen hat die Notwendigkeit des lebensbegleitenden Lernen verstärkt – das ist die große Veränderung in den letzten Jahren. Weiterbildung ist bis ins hohe Alter wichtig und notwendig, um am Ball zu bleiben und gesellschaftliche Teilhabe auf allen Ebenen zu garantieren.
42% unserer Teilnehmer:innen haben in den letzten Jahren im Schnitt Kurse im Fachbereich Gesundheit gebucht. Wir beobachten zunehmend, dass Menschen aktiv etwas für ihre körperliche und mentale Gesundheit tun wollen. Die Volkshochschulen in Kärnten bieten ein breites qualitätsgesichertes Programm für alle Altersgruppen, insbesondere auch für Kinder und die ältere Generation. Auf Grund von Förderungen wie dem AK-Bildungsgutschein, dem Bildungsbonus WIR des Landes Kärnten bzw. auch kostenlosen Kursangeboten im Rahmen von Projekten sind unsere Kurse sehr gefragt. Wir leisten damit auch einen großen volkswirtschaftlichen Beitrag im Bereich der Prävention und Regeneration.
Welche Rolle spielen die Kärntner Volkshochschulen Ihrer Meinung nach für die persönliche und berufliche Entwicklung von Erwachsenen?
Wir führen jährlich 3000 Kurse an 80 Kursorten in Kärnten durch, 25.500 Teilnahmen sind ein neuer Rekord. Damit sind wir DIE Bildungsnahversorgerin in unserem Bundesland. Darüber hinaus setzen wir 30 regionale, nationale und internationale Projekte um und holen jährlich ca. 2 Mio. € an nationalen und EU-Mitteln für Bildungsmaßnahmen nach Kärnten. Unsere Kurse erfreuen sich großer Beliebtheit – eine 4%ige Steigerung der Teilnahmen im Vergleich zum Vorjahr zeigen, dass wir für die Menschen in Kärnten eine sehr große Rolle spielen.
Wir eröffnen neue Chancen und Wege. Die vielen positiven Rückmeldungen und der hohe Anteil an Stammkund:innen zeigen, dass wir mit unserem Angebot nicht nur am Puls der Zeit, sondern auch an den Wünschen der Bevölkerung dran sind.
Wie gelingt es, Lernangebote zu gestalten, die für heterogene Gruppen – von Berufstätigen bis zu Pensionist:innen – gleichermaßen attraktiv sind?
Unser Schlüssel ist das breite Programm. Neben zielgruppenspezifischen Kursen gibt es auch Angebote, in denen es gewünscht und gewollt ist, dass sich unterschiedliche Alters- oder soziale Gruppen treffen und miteinander lernen. Damit wecken wir Verständnis füreinander und Zusammenhalt. Unsere knapp 630 Kursleitenden schaffen es immer wieder, auch sehr heterogene Gruppen zufriedenzustellen und auf die Bedürfnisse aller einzugehen – sie sind der Schlüssel zum Erfolg. Eines unserer Merkmale ist unsere Schnelligkeit und Flexibilität in der Angebotsgestaltung. Für diejenigen, die sehr rasch zu einem Ergebnis kommen wollen, gibt es die Möglichkeit von berufsbezogenen Kursen oder Coachings. Übrigens ist die VHS auch bekannt für ihre VHS-Young-Kurse, ein Bereich, der sehr gut läuft und den wir auch ausbauen wollen. Wer einmal als Kind in der VHS war, wird immer wieder kommen.
Welche Kompetenzen werden Erwachsene in Zukunft am dringendsten brauchen?
Digitale Grundbildung ist heute so wesentlich wie Lesen, Schreiben und Alltagsmathematik – und dazu kommt die KI-Kompetenz: Tools sinnvoll nutzen, Ergebnisse prüfen und Datenschutz mitdenken. Aber Zukunftskompetenzen sind mehr als Technik. Es geht auch um Kommunikationsstärke, Teamfähigkeit, Problemlösen, Resilienz – also die Fähigkeit, mit Veränderung umzugehen. Und ganz zentral: Medienkompetenz als Demokratiekompetenz. Wer Informationen beurteilen kann, bleibt nicht nur beruflich handlungsfähig, sondern auch politisch mündig. Erwachsene müssen heute vor allem eines: sicher handeln können – im Job, im digitalen und persönlichen Alltag und in einer immer unübersichtlicheren Öffentlichkeit. Der Wunsch nach persönlicher Entwicklung ist weiterhin da, aber er wird stärker begleitet von der Frage: „Wie bleibe ich anschlussfähig?“ Besonders deutlich spüren wir das bei allem, was mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zu tun hat. Viele Menschen wollen KI nicht „irgendwie verwenden“, sondern verstehen: Was kann das Tool wirklich? Was ist verlässlich? Wo kann es mir helfen – und wo muss ich skeptisch sein?
Wie erkenne ich Fake News, wie kann ich Quellen prüfen, wie Social Media kritisch einordnen oder Radikalisierungsmuster im Netz verstehen – also befähigt sein, nicht jeder Schlagzeile und jedem Algorithmus zu folgen? Also ist unser Angebot nicht nur beruflich oder persönlich wichtig, sondern auch gesellschaftspolitisch.
Viele Menschen haben Lernblockaden oder schlechte Schulerfahrungen. Wie geht die VHS damit um – und wie unterstützt sie Lernende?
Wir nehmen diese Erfahrungen ernst. Gerade in der Basisbildung ist das entscheidend, weil sie leider noch immer tabuisiert ist. Wir arbeiten in kleinen Gruppen, mit vertrauten Trainer:innen, mit viel Ermutigung und alltagsnahen Beispielen. Durch unsere Niederschwelligkeit und unser aufsuchendes Angebot – wir sind in den Gemeinden bei den Menschen vor Ort und arbeiten mit ca. 120 Netzwerkpartner:innen zusammen, erreichen wir diese Zielgruppe sehr gut. Im Gegenteil – wir könnten unser Angebot ausweiten, wenn es die finanziellen Mittel dazu geben würde. Es darf nicht vergessen werden, dass laut PIACC – Studie 29% der österreichischen Bevölkerung im Alter von 16 – 65 Jahren über nur geringe Lesekompetenzen verfügen – dh, sie haben Schwierigkeiten beim Lesen von längeren und komplexeren Texten, bei der Verknüpfung mehrerer Informationen und bei der Interpretation und kritischen Hinterfragung von Inhalten.
Welche Vorurteile über Erwachsenenbildung begegnen Ihnen oft – und was stimmt daran überhaupt nicht?
„In der VHS gibt es nur Freizeitkurse.“ Wer unser Programm oder unsere Website anschaut, findet das Gegenteil: Wir bieten Qualifizierungen und auch formale Abschlüsse an.
„Die VHS-Kurse besuchen hauptsächlich Pensionist:innen“. Das stimmt auch nicht. Unsere Hauptkundin ist weiblich, 40 Jahre alt und Angestellte. Wir hatten heuer einen großen Zuwachs bei den 20 – 29-jährigen. Und über mehr Teilnehmer:innen 60+ würden wir uns freuen.
Wie gelingt es, Menschen zu erreichen, die „eigentlich“ Weiterbildungsbedarf haben, aber selbst nie einen Kurs buchen würden?
Wir setzen auf persönliche Kontakte und Partner:innen in den Regionen – Gemeinden, Betriebe, Vereine, Beratungsstellen. Entscheidend ist oft ein konkreter, alltagsnaher Einstieg mit einer Kursleiterin des Vertrauens. Und wir haben eine sehr ansprechende Website und einen abwechlungsreichen Social-Media-Auftritt. Auch hier ist der Zusammenhang zwischen den Zugriffen und der Buchungslage positiv zu vermerken.
Welche Fähigkeiten bringen Erwachsene oft unterschätzt mit – die im Lernprozess aber enorm wertvoll sind?
Erwachsene bringen einen riesigen Schatz an Lebenserfahrung und Problemlösungskompetenz mit. Viele wissen das nicht, aber genau das ist es. Wer Krisen bewältigt, Familie organisiert, im Beruf Lösungen findet, hat gelernt zu lernen – nur oft ohne es so zu benennen. Und auch das ist uns wichtig: das Selbstwertgefühl unserer Teilnehmenden zu stärken und nicht nur mit- sondern auch voneinander zu lernen.
Wie sähe aus Ihrer Sicht ein „ideales Weiterbildungssystem“ aus – und was hindert uns derzeit daran?
Die Bedeutung und Aufgabe der Erwachsenenbildung hat in den letzten Jahren zugenommen. Volkshochschulen bieten längst nicht mehr ausschließlich allgemeine Kurse für Erwachsene an. Wir sind heute z.B. in Bereichen wie Integrations- oder Arbeitsmarktpolitik ein wichtiger und unverzichtbarer Akteur. Die rechtliche Lage der Erwachsenenbildung und deren finanzielle Ausstattung (z.B. lediglich 0,8% des Bildungssystems auf Bundesebene) entspricht diesem Entwicklungsstand schon lange nicht mehr. Projekte laufen trotz großer Erfolge aus, Valorisierungen sind für uns ein Wunschtraum, Raummieten steigen, profitorientierte Unternehmen sehen im Gegensatz zu uns gemeinnützigen Bildungseinrichtungen in der Weiterbildung einen Markt und werden von der öffentlichen Hand auch noch gefördert. Das Überangebot an Weiterbildungsangeboten desorientiert die Menschen und es braucht eine kompetente anbieterneutrale Bildungsberatung – nicht nur als Projekt, sondern als Regelbetrieb. Darüber könnten wir jetzt noch ein Interview führen. Das lässt sich nicht so schnell beantworten. Ich jedenfalls werde nicht müde, dafür einzutreten, dass die Erwachsenenbildung den Stellenwert bekommt, der ihr gebührt.